Ellies letztes Abenteuer

Viel Zeit ist vergangen, seit unsere Gruppe Abschied von Kana genommen und sich auf den Weg in den Underdark gemacht hat. Und viel ist seitdem geschehen. Auch die junge Schurkin Ellie begleitet das ungleiche Team inzwischen nicht mehr – ein Abschied, der Vienor, Myrae und Vara zwar zusammengeschweißt, aber sichtbare Spuren auf ihnen hinterlassen hat.

Kapitel 1

Seit Tagen fühlte es sich so an, als würde eine dunkle Wolke über ihr schweben. Ein ungutes Gefühl hatte sich in Ellie breit gemacht, so als würde sie von jemandem verfolgt werden. Es war ein Gefühl, als würde ein dunkler Schatten an ihnen kleben. An diesem Abend sollte sich Ellies Verdacht bestätigen. Alles begann, wie so oft, in einer kleinen Spelunke.

Rauchige Luft, klebriger Boden, der Gestank von Bier und Schweiß, ein Ort an dem sich Ellie zu Hause fühlte. Zumindest sollte es so sein. Doch schon seit einigen Tagen spürte sie es. Irgendetwas war nicht richtig. Ellie konnte sich nicht wirklich entspannen, aber es gab Arbeit zu erledigen. Sie wollte ein paar Informationen einholen. Ein paar Leute um ihre Geldbörsen erleichtern und dann vielleicht noch ein, zwei Bierchen trinken. Dann sollte sie zurück zu den anderen gehen.

Münzen hatten schnell ihre Besitzer gewechselt und auch wenn es keine neuen Informationen gab, konnte sie zumindest das örtliche Bier testen. Eigentlich hätte sie noch mehr Zeit in der Taverne verbringen können, aber ihre Freunde, ihre neue Familie erwartete sie zurück und nach ihrem kleinen Missgeschick (ihrer Entführung) waren alle etwas nervös, wenn einer von ihnen zu lange fort blieb. So machte sie sich mit ihrer Beute und ohne neue Informationen auf den Weg zurück zu ihren Kameraden.

Als Ellie die Taverne verließ, umfing sie der Geruch des Underdarks. So ganz hatte sie sich noch immer nicht an die Dunkelheit und die feuchte Kühle gewöhnt. Als Kind des Waldes fehlten ihr die frische Luft und das Rascheln der Blätter, aber sie hatte sich dazu entschieden den Underdark „zu besuchen“ und musste jetzt erst einmal mit ihrer Entscheidung leben. Doch sie wollte sich nicht beschweren. Sie hatte neue Freunde gefunden und ein neues Ziel vor Augen. Glücklich machte sie sich auf den Weg zurück zum Versteck.

Die Straßen waren wie leergefegt, da die innere Uhr der Dorfbewohner bereits auf Schlaf eingestellt war. Normalerweise war die Dunkelheit Ellies Freund, doch in dieser Nacht fühlte sich etwas falsch an. Es schien fast so, als würde sich ein Paar fremde Augen in ihren Hinterkopf bohren. Ein kalter Schauer lief ihr den Rücken runter und ihre Nackenhaare stellten sich auf. Es war ungewohnt, die Verfolgte zu sein. Ellie wusste, wer auch immer hinter ihr her war, sie musste ihn in die Irre führen. Innerhalb weniger Sekunden entschied sie sich also, einen anderen Weg einzuschlagen. So unauffällig wie möglich änderte Ellie ihre Richtung und lockte ihren Verfolger weg vom Versteck ihrer Familie.

Der Ort, in dem sie gerade Rast machten, war nicht besonders groß. Je tiefer sie in den Underdark vordrangen, desto kleiner und sporadischer wurden die Dörfer. Ellie versuchte, ihren Verfolger zwischen den Häusern abzuschütteln, aber der Gute war deutlich hartnäckiger und besser in seinem Job als gedacht. Als sie das letzte Haus hinter sich ließ und den offenen Bereich des Underdarks betrat, überkam sie ein ungutes Gefühl. Obwohl sie zahlreiche Tricks angewandt hatte, konnte sie ihren Verfolger einfach nicht abschütteln. Gleichzeitig wusste sie aber die ganze Zeit, wo er sich befand. Wenn er ihr konsequent folgen konnte, wieso hatte er sich nicht besser versteckt? Wollte er, dass sie wusste, wo er sich befand?

Ellie war inzwischen wohl schon länger unterwegs, als sie ursprünglich geplant hatte, denn als sie die Wildnis des Underdarks betrat, vernahm sie eine ihr wohl bekannte Stimme in ihrem Kopf. „Ellie. Ist alles in Ordnung bei dir?“ Seit Ellies Entführung war Myrae deutlich angespannter, wann immer eines ihrer Gruppenmitglieder für einen längeren Zeitraum wegblieb. „Hey. Eigentlich schon. Ich werde nur seit einiger Zeit verfolgt und irgendwie hat mein neuer Schatten es geschafft, mich aus dem Dorf zu lotsen!“

„Wo bist du genau?“ Auch wenn die Stimme nur in Ellies Kopf war, konnte sie die leichte Panik darin wahrnehmen.

Während sie Myrae so gut es ging erklärte, wo sie sich gerade befand und wie sie dort hingekommen war, versuchte sie ihren Verfolger weiter im Blick zu behalten. Nach und nach entfernten sich die beiden immer weiter von den Häusern und das gefiel Ellie so gar nicht. Irgendetwas lief hier definitiv falsch. Die „Wildnis“, in der sie sich gerade befand, war eher eine offene Fläche, die gelegentlich von Steinen und Moosen durchzogen war. Dies brachte ihre Sinne noch mehr zum klingeln. Okay, irgendwie muss ich zurück in die Stadt, ohne dass es meinem Verfolger auffällt …

Noch bevor Ellie ihre Gedanken in die Tat umsetzen konnte, umschloss sie urplötzlich ein helles Licht und von jetzt auf gleich erstarrte ihr kompletter Körper. Eine unheimliche Stille umschlang sie. Zunächst bemerkte sie, dass es um sie herum keinerlei Geräusche mehr gab, dann geriet sie in Panik. Selbst das Rauschen ihres Blutes und ihr leiser Atem waren verstummt. Ihr Körper hatte aufgehört zu arbeiten. Mit offenen Augen stand sie da und konnte sich nicht länger bewegen.

„Oh, wie schön. Die Schriftrolle hat funktioniert!“ Aus der Dunkelheit rechts von Ellie drang eine eiskalte Stimme an ihr Ohr. Ein Schauer wäre ihr über den Rücken gelaufen, hätte ihr Körper die Möglichkeit gehabt, sich zu bewegen. Ein ungutes Gefühl machte sich in ihrem Magen breit.

„Heißt das, wir können jetzt unseren Spaß mit ihr haben? Er hat gesagt, dass alle Mittel erlaubt sind!“ Angst erfüllte Ellie. Angst vor dem heißen Eisen und dem kalten Stahl, den sie einst auf ihrer Haut gespürt hatte. Sie hatte so gehofft, diese Gefühle hinter sich zu lassen, doch die Erinnerung an ihre Entführung und die Folter, die sie damals durchlebt hatte, waren schlagartig wieder da. „Wir haben lange nach dir gesucht, kleine Diebin. Wer hätte gedacht, dass du dich in der Dunkelheit des Underdark versteckst? Aber jetzt haben wir dich endlich gefunden. Der Boss wird uns sicher dafür belohnen, dass wir dich gebührend bestrafen. Doch die wirkliche Belohnung ist die Bestrafung an sich.“ Es war, als könnte sie das Lächeln in der Stimme ihrer Verfolgerin hören. Definitiv war eine der Stimmen weiblich, die andere hingegen männlich. Noch nie hatte Ellie so viel Kälte und Emotionslosigkeit in einer Stimme gehört, ganz zu schweigen von zweien. Sie wollte weglaufen, schreien, kämpfen, irgendetwas tun, doch das Einzige, das wirklich zu funktionieren schien, war ihr Gehirn – und das arbeitete auf Hochtouren.

Ellie wusste, wer den Auftrag erteilt hatte. Allerdings hatte sie keine Ahnung, wer die beiden waren, die Stimmen waren ihr völlig unbekannt. Wen hat Anedrian da nur geschickt? Er wird doch nicht … Die Panik in ihrem Inneren wurde immer größer. Ihr Hirn rannte ihr regelrecht davon. Ihre Peiniger hatten sich bis jetzt auch noch nicht in ihr Blickfeld bewegt. „Hast du Angst? Angeblich kann jemand, der von diesem Zauber getroffen wurde, alles um sich herum wahrnehmen, nur der Körper ist wie eingefroren!“ „Jetzt können wir so viel Spaß mit dir haben, wie wir wollen! Leider müssen wir aber auf deine Schreie verzichten.“ Die beiden Stimmen kamen abwechselnd von rechts und links, so als ob sie ständig ihre Position wechselten. „Oh, es wird wundervoll! Es gibt so viele Dinge, die ich schon immer mal ausprobieren wollte. Nur den kleinen Finger heben wir uns bis zum Schluss auf!“ Ein unheimliches Lachen drang an ihr Ohr. Ein Lachen ohne Freude, ohne Hohn und doch sagte es so viel. Wer auch immer diese beiden Personen waren, sie waren äußerst gefährlich. „Psst, da kommt jemand!“ Ellie spürte einen Luftzug, als die beiden sich still von ihr entfernten.

Kapitel 2

Doch die Stille währte nur kurz, als sie durch Vienors Stimme durchbrochen wurde, „Ellie? Ellie!“ Ellie wollte schreien, ihn vor den versteckten Gefahren warnen, doch ihr Körper war erstarrt. Eine warme Hand schloss sich um ihre Schulter und Ellie wünschte sich, die Augen schließen und ihren Tränen freien Lauf lassen zu können. Doch sie konnte nur weiter geradeaus starren. „Ellie, was ist los? Sprich mit mir. Ich habe mir Sorgen gemacht!“ Das Gesicht des Bardes erschien vor ihr. Ein Funken Erleichterung, dass er seine Freundin gefunden hatte, überschattet von der Angst, was passiert sein könnte, tanzte auf seinem Gesicht. „Was ist los mit dir? Ich spüre Magie, was ist das?“ Vorsichtig legte er ihr eine Hand an die Wange.

Vienor, pass auf, sie sind noch irgendwo. Lauf weg, bitte lauf weg! In ihrem Kopf schrie Ellie, sie flehte ihren Freund an zu fliehen. Sie hoffte panisch, dem Halb-Drow die drohende Gefahr irgendwie vermitteln zu können, doch Vienor schien nicht zu verstehen. Sein Blick war weiterhin besorgt auf sie gerichtet und Ellie konnte in seinen Augen sehen, wie er hektisch versuchte, die Situation zu erfassen. Doch es gab einen Grund, warum die beiden Psychopathen sich entfernt hatten und der Halb-Drow sollte gleich am eigenen Leib spüren, dass sie noch ein Ass im Ärmel hatten.

Ellie? Ellie! Vienor wollte sprechen, doch nichts passierte. Sein Körper schien ihm nicht mehr zu gehorchen. Als wäre er zu Stein erstarrt und das bei vollem Bewusstsein. Er konnte die Wärme von Ellies Haut an seinen Fingern spüren, doch bewegen konnte er sich nicht. War dies auch mit Ellie geschehen? Was für ein furchtbarer Zauber war das? Und wie sollten sie ihn lösen? Auch wenn sich langsam Panik in ihm breit machte, versuchte der Barde ruhig zu bleiben und diese Ruhe auf Ellie zu übertragen. Seine Augen schienen zu sagen Ich hole dich hier raus. Wir schaffen das. Die anderen sind schon auf dem Weg! Auch wenn seine eigene Lage gefährlich war, die Angst um Ellie war größer.

„Oh schau mal, noch ein Spielkamerad für uns und er scheint das Spielzeug zu kennen!“ Ein eiskalter Schauer lief Vienor über den Rücken. Die Stimme war definitiv humanoid, doch irgendwie klang sie verzerrt und fremd. Sie hatte keinerlei Melodie, schien keine Gefühle zu vermitteln. Selbst diese Drow-Priesterin Yazvir hatte zumindest den Anschein von Gefühlen in ihrer Stimme, aber diese … Da war nichts. Nicht einmal Hass oder Abscheu. Nichts. Wer auch immer diese Person sein mochte, in diesem Moment machte sie ihm mehr Angst als jeder Drow, den er zuvor getroffen hatte. „Ich hoffe doch, dass es sich gelohnt hat, die zweite Rolle dafür zu verschwenden!“ „Oh, das wird es. Jetzt muss der Dreck mit ansehen, wie wir ihren Freund verschönern, bevor wir uns um sie kümmern!“ „Denk aber daran, den kleinen Finger bis zum Schluss dran zu lassen!“ Die Gedanken des Halb-Drows begannen zu rasen.

Ein Auge blickte noch immer Ellie an, doch der Blick des anderen Auges wurde plötzlich von einer Hand verdeckt. Gezielt bewegten sich die schlanken Finger der Frau auf Vienors Kopf zu. Was hat sie vor? Langsam bildeten drei Finger eine Art Klaue, die sich zunächst auf die Augenlider des Barden legte. Für einen kurzen Moment herrschte in seinem Kopf Verwirrung, doch dann war da nur noch gleißender Schmerz, der Vienor innerlich aufschreien ließ. Sein Blick war immer noch auf Ellie gerichtet. Er wünschte sich, sie könnte zumindest die Augen schließen. Müsste das Grauen vor sich nicht mit ansehen. Die Trauer und der Schock in ihren Augen machte die Situation noch viel schlimmer.

„Sei vorsichtig! Ich will das schöne Auge als Erinnerung behalten!“ Der Schmerz wurde fast unerträglich, doch die süße Ohnmacht, die einen normalerweise umschlingen würde, blieb dem Halb-Drow verwehrt. Dann wurde es plötzlich schwarz vor Vienors linkem Auge und etwas Warmes begann stetig sein Gesicht hinunter zu laufen und von seinem Kinn zu tropfen. „Oh, es ist ganz feucht! Danke für dieses schöne Geschenk, aber ein bisschen will ich noch mit dir spielen. Und wenn wir fertig sind, schneide ich dir den kleinen Finger ab und du kannst in Ruhe den Tod deiner Freundin betrauern!“

Plötzlich blickte der Halb-Drow in sein eigenes Auge. Der Körper war eine faszinierende Maschine. Auch wenn ihm ein Teil fehlte, konnte er doch weiter funktionieren. Mit nur noch einem Auge zu sehen war anders und doch konnte Vienor nicht so wirklich erklären, was genau anders war. Obwohl er Schmerzen spürte, sperrte sein Gehirn sich gegen die ihm ins Gesicht starrende Realität. Es war als würde er die Situation von außen betrachten. Alles war wie in Watte gepackt.

„Hast du Spaß, Schwesterchen?“ „Oh, dieser Auftrag entwickelt sich deutlich interessanter als ich dachte. Den Abschaum zu finden war äußerst schwierig, aber jetzt habe ich so ein schönes Andenken an die lange Reise!“ Die eiskalten Stimmen umkreisten den Barden und Ellie langsam. Sie konnten nie so ganz sagen, woher sie kamen oder wo sie als nächstes sein würden. „Ich wünschte, wir hätten mehr Zeit, um mit euch zu spielen. Auch wenn dies nicht zu unserem Auftrag gehört.“ „Aber irgendwann müssen wir es beenden und zurück zu unseren Leuten. Nicht, dass die sich noch Sorgen machen.“

“Amüsieren wir uns noch ein bisschen!” Auf einmal konnte der Halb-Drow kalten Stahl auf seiner Haut spüren. Ein kurzer Stich und ein neuer Schwall warmen Blutes lief seine Wange herunter. “Hmm, das Blut kann man ja kaum sehen. Wie schade.” Als nächstes sah er, wie die Klinge auf Ellies Wange einen tiefen Schnitt hinterließ. “Viel besser!” Die Tatsache, dass Vienor nichts gegen ihre Angreifer tun konnte, trieb ihn zur Weißglut. Diese beiden Verrückten würden dafür bezahlen, was sie Ellie angetan hatten, was sie ihm angetan hatten. Sie würden den Underdark auf keinen Fall lebend verlassen. “Liebste Schwester, ich befürchte, wir müssen der Sache bald ein Ende machen. Auch wenn ich deine Spiele sehr genieße, so können wir nicht ewig hier bleiben. Der Rest der Gruppe erwartet uns bald zurück und wir müssen uns noch um sie kümmern-” Auf einmal wurde es gleißend hell. Irgendetwas war bei dem Angreifer hinter Ellie eingeschlagen.

“NEIN!” Ein Schrei durchschnitt die Dunkelheit. “Wir müssen hier weg. Da kommen noch mehr!” Hastige Schritte kamen auf Ellie und den Barde zu und plötzlich war die Präsenz der Angreifer verschwunden. Jemand hatte sie in die Flucht geschlagen. Endlich waren sie in Sicherheit. Egal wie schlimm dieses Erlebnis auch war, sie würden hier wegkommen, sie waren gerettet. Erleichterung breitete sich in Vienors Brust aus. “Schnell beende es, Schwester!” Wie sollten sie das jetzt noch anstellen? Sie waren schon viel zu weit weg und mitten im Rückzug. Der Halb-Drow, der immer noch in Ellies Gesicht starrte, hätte gelächelt, wenn seine Muskeln nicht noch immer erstarrt wären. Unsere Kameraden sind da. Sie haben uns gefunden. Mach dir keine Sorgen Ellie, jetzt kann uns nichts mehr passieren, wir sind in Sicherh- 

Noch bevor er den Gedanken beenden konnte, sah er, wie Ellies Gesicht langsam zu Staub zerfiel. Seine Hand, die gerade noch Ellies warme Haut berührt hatte, streckte sich nun ins Nichts. Der Staub wirbelte für einige Sekunden um seinen erstarrten Körper und verschwand dann in der Dunkelheit. Nichts. Da war nichts mehr. Ellie war… weg.

“Schnell Myrae, sie entkommen uns!” Vara und Myrae hatten Vienor und Ellie gerade hinter sich gelassen, als ihnen ein kalter Schauer über den Rücken lief, doch alles, was sie vor Augen hatten, waren die beiden fliehenden Gestalten vor ihnen. Schnell bemerkten sie, dass ihre Freunde ihnen nicht folgten. Myrae blieb stehen und blickte sich um. In einigen Metern Entfernung sah sie den Barden immer noch in derselben Haltung verharren, die er schon zuvor hatte. “Vara, lauf weiter. Versuch herauszufinden, wo sie hingehen. Ich finde dich und bringe Vienor und Ellie mit!” “Alles klar!” Ohne anzuhalten rannte Vara den beiden Flüchtenden hinterher. Myrae eilte zurück, doch nur der Barde war noch an dem Platz, an dem die beiden gerade noch standen. “Vienor, wo ist Ellie?! … Vienor?”

Ihr Verbündeter gab kein Wort von sich. Er bewegte sich auch nicht oder atmete. Und doch war er eindeutig am Leben. Ein starker Zauber schien ihn fest zu halten. Vienor, was ist los? In dem Moment, in dem sie sich mit dem Halb-Drow in Verbindung setzte, wurde sie regelrecht von Gedanken erschlagen. Trauer, Wut, alles brodelte in ihm zusammen. Ellie! ELLIE! Sie haben sie umgebracht! Ellie ist … Sie ist weg! Das werden sie büßen, alle beide! Ich werde sie eigenhändig in Stücke reißen und mit ihren eigenen Körperteilen füttern!

Myrae fühlte sich, als hätte ihr jemand mit einem sehr dicken Buch gegen den Kopf geschlagen und danach eine Nadel in ihr Herz gesteckt. Was? Ich meine, wann? … Vienor was ist mit dir? Die Panik, die Verzweiflung, alles was sie gerade noch gespürt hatte, verwandelte sich auf einmal in puren Hass. Alles, was sie von Vienor spüren konnte, war Hass. Die Gedanken in seinem Kopf rasten und er wusste nicht, ob seine Vermutung stimmen würde, aber er hatte keine andere Wahl. Schlag mir den kleinen Finger ab! Bei diesen Worten breitete sich Eiseskälte in ihrer Brust aus. Was? Warum? … Vienor, was ist …. Plötzlich brüllte Vienors Stimme in Myraes Kopf. TU ES EINFACH!

Als hätte er einen Command-Zauber auf sie gewirkt, zog sie mechanisch ihren Dolch und begann den kleinen Finger von der ausgestreckten Hand des Barden zu trennen. Der Schock verhinderte, dass sie weiter darüber nachdenken konnte, was sie da gerade tat. Noch bevor der Finger zu Boden gefallen war und Myrae weitere Fragen hätte stellen können, drehte sich Vienor plötzlich um und stürmte in die Richtung, in der die anderen verschwunden waren.

Die Verfolgung führte sie schnell zurück ins Dorf. Glücklicherweise konnte Vara den Weg immer wieder markieren, sodass es dem übrig gebliebenen Rest ihrer Truppe gelang, ohne Problem zu ihr aufzuschließen. Vor ihr lag eine alte Scheune, die schon länger nicht mehr in Benutzung war. Was auch immer hier gelagert oder gehalten wurde, die Besitzer hatten ihr Gut bereits vor einiger Zeit verlassen. Das Holz war an vielen Stellen verrottet, die Scheunentür war zum Teil aus den Angeln gerissen. Hinter der heruntergekommenen Fassade des Gebäudes konnte sie das Flackern von Fackeln im Inneren sehen. Als sie die Schritte ihrer Freunde hörte, drehte sich Vara sofort um. Doch jemand fehlte.

“Wo habt ihr Ellie gelassen?” Jetzt, wo sie endlich anhalten konnten, blickte Myrae Vienor an. Ihre Augen wanderten über sein blutverschmiertes Gesicht hinab zu dem Stumpf, der einst sein Finger war, und blieb dort hängen. “Ich glaube, sie ist …” “Sie haben sie umgebracht. Irgendein Zauber hat sie vor meinen Augen zu Staub werden lassen. Ich werde den Scheunenboden mit ihrem Blut tränken.” Vara und Myrae blickten ihren Freund verwirrt an, dann dämmerte ihnen, was er gerade gesagt hatte. Eigentlich hätten sie sich Gedanken darum machen müssen, wie gefährlich diese Gegner sein könnten. Eigentlich hätten sie einen Plan schmieden sollen, wie sie am besten angreifen würden. Eigentlich müssten sie sich wappnen und vorbereiten… Eigentlich! Wut, Trauer und Hass verklärten ihre Sicht. Alles was sie jetzt noch sehen konnten, war das Licht, das aus der Scheune kam.

Kapitel 3

Ohne ein weiteres Wort zu sprechen machten sich die drei auf den Weg zur Scheune. Schnellen Schrittes traten sie durch das offene Tor. Im Inneren der Scheune war ein provisorisches Lager aufgebaut. An einem kleinen Lagerfeuer saßen zwei fast identisch aussehende Personen, gekleidet komplett in schwarz und in Begleitung mehrerer vermummter Figuren. Die Handlanger schienen nervös zu sein. Leises Gemurmel war von ihnen zu hören. Durchbrochen wurde das Flüstern nur, von einem unregelmäßigen Klirren von metallenen Gegenständen. Die beiden Psychopathen waren gerade dabei, unterschiedliche Werkzeuge, Dolche und Messer zusammen zu suchen und in einen Lederbeutel zu stecken.

Noch waren Vienor, Myrae und Vara versteckt. Vorsichtig näherten die drei sich der Scheune, als Vara auf ein Stück morsches Holz trat. Sofort drehten die Zwillinge sich um und gaben ihren Schlägern den Befehl zum Angriff. Die Schwester stürmte ebenfalls auf die Tür zu, während ihr Bruder aus der Ferne alles mit Pfeilen beschoss, ohne Rücksicht auf Verluste. Varas Fäuste prasselten auf die Gegner ein, während sie an der fremden Frau mit dem Kurzschwert vorbei stürmte, in die Luft sprang und begann auf den Bogenschützen einzuschlagen. Sein Bogen fiel zu Boden und er versuchte nach einem Dolch zu greifen, doch Vara war schneller. Ihre Schläge trafen zunächst noch auf Fleisch und Knochen, doch mit jedem Hieb spürte sie, wie diese brachen. Schmerz durchfuhr Vara. Ihre Fäuste bekamen mit jedem Schlag weitere Mikrofrakturen ab und doch hörte sie nicht auf, auf ihn einzuschlagen.

Myrae und Vienor hatten noch gesehen wie Vara an ihnen vorbei gestürmt war, bevor der Mob aus Handlangern und einer wilden Psychopathin vor ihnen eine undurchdringbare Mauer bildeten. Schulter an Schulter standen sie vor den Schlägern. Die beiden Magiebegabten versuchten die Gegner so gut es ging von sich fern zu halten, doch immer wieder schrie Vienor kurz auf, als ihn erneut ein Dolch oder eine Kurzschwert an der Seite erwischte. Es dauerte nicht lang, da dämmerte es Myrae. Vienor hatte sein Auge verloren und dadurch war sein räumliches Sehen nun stark eingeschränkt. Wenn die Gegner den richtigen Winkel erwischten, konnte er die Stiche nicht kommen sehen.

Blitzschnell drehte sich Myrae an Vienor vorbei, um auf der Seite zu stehen, auf der er blind war. Die leere, blutige Augenhöhle schien Myrae regelrecht anzustarren. Flüssigkeiten waren unterhalb von Vienors Auge getrocknet. Ein bisschen sah es aus, wie eine Kriegsbemalung. Im Vertrauen darauf, dass Myrae ihm dort Deckung geben würde, konnte er sich ganz auf das Geschehen direkt vor ihm konzentrieren. In diesem Moment passierte etwas Ungewöhnliches. Ohne dass die beiden miteinander auch nur ein Wort wechselten, schien auf einmal aus zwei Kämpfern einer zu werden. Ihre Zauber waren wie aufeinander abgestimmt. Ihre Bewegungen wirkten so synchron wie bei einem Paartanz. All ihre Probleme, all ihre bisherigen Streitigkeiten waren wie weggeblasen. Eine gemeinsame Wut und Trauer brachte sie zusammen und ließ sie gemeinsam kämpfen, wie sie es zuvor noch nie getan hatten.

Währenddessen war das Gesicht von Varas Gegner nicht mehr wieder zu erkennen. Die Nase war eingedrückt, die Wangenknochen zersplittert und ein Auge war geschwollen. Das andere Auge war, zusammen mit dem Blut und den Tränen, zu einer schmierigen Masse auf Varas Fäusten geworden. Ihre Knöchel waren von unendlich vielen kleinen Schnitten überzogen, in denen zum Teil Knochensplitter steckten, die nicht von Vara stammten. Vara hatte schon viele Kämpfe hinter sich gebracht. Keiner war wirklich schön gewesen und viele Runden in der Arena endeten auf brutalste Art und Weise. Doch eine derartige Gewalt hatte sie nur selten angewandt. Unter dem Knacken der Knocher war nur noch ein Röcheln ihres Opfers zu hören.

“Bruder! Lass ihn in Ruhe, du Miststück!” Als die Zwillingsschwester dies sah, rannte sie auf die beiden zu und schlug mit erhobenem Schwert und voller Wucht auf Vara ein. Ein lautes Knacken war zu hören und dann sah Vara wie in Zeitlupe ein großes Stück ihres Horns auf den Bogenschützen vor ihr fallen. Sie hielt kurz inne und starrte heftig atmend auf das Horn, als sich die Welt um sie herum schlagartig rot färbte. Alles, was heute passiert war, der Verlust einer lieben Freundin, die Verstümmelung eines Gefährten und nun auch noch das Abbrechen ihres Hornes all dies brach aus ihr heraus. Ein Gewitter aus Fäusten schlug auf den am Boden liegenden Zwilling ein. Es war egal, dass dieser nicht ihr Horn abgebrochen hatte. Es war egal, was er mit der ganzen Sachen zu tun gehabt hatte. All ihre Wut, ihre Trauer, all ihre Gefühle sprudelten aus ihr heraus.

Zunächst versuchte seine Schwester noch auf Vara einzuschlagen, ihren Bruder irgendwie zu retten. Ein Geräusch, als würde jemand sehr feuchten Teig kneten, erfüllte die Scheune. Viele der Handlanger lagen bereits am Boden und als die übrig gebliebenen die Szene sahen und hörten, ließen sie von Myrae und Vienor ab und ergriffen die Flucht. Zu Beginn gab Varas Gegner noch Laute von sich. Woher diese stammten, konnte niemand wirklich sagen. Doch als das Gesicht und der Oberkörper des Psychopathen nur noch aus Fleisch und Knochenstücken bestanden, hörten auch die Schwertschläge gegen Varas Rücken auf. Die Schmerzen, die Vara hätte in diesem Moment spüren müssen, sollten erst später kommen.

Als die Zwillingsschwester realisiert hatte, dass sie ihren Bruder nicht mehr retten konnte und selber fliehen wollte, war es jedoch zu spät. Sie rannte so schnell wie möglich zum nächsten Fenster, als sie plötzlich in ihrer Bewegung stehen blieb. Die Schläge, die durch die Scheune drangen, klangen dumpf und wurden immer langsamer. “Alles gut, Vara.” Vorsichtig legte Myrae ihr eine Hand auf die Schulter. “Du kannst aufhören.” Myraes Blick war weiterhin auf die Schwester des zermalmten Bogenschützen gerichtet, als Vienor auf diese zu trat. Als er den Mund öffnete um zu sprechen, kam dort eine Stimme heraus, wie er sie selbst noch nie von sich gehört hatte. Sie wirkte ruhig, beherrscht, aber es lag ein Zittern in ihr, die den in ihm brodelnden Zorn kaum zu verbergen vermochte. “Ich hoffe, du hattest deinen Spaß. Aber ich befürchte, mein Auge wird nicht lang als schönes Erinnerungsstück taugen. Es wird nämlich das Letzte sein, was du jemals jemandem genommen hast!”

Vara stand noch immer da. Blut tropfte von ihren Händen und ihrem Rücken. Sie schien wie festgewurzelt. Vienor sah zu Vara und dann zu Myrae. Es dauerte eine Sekunde, dann nickte Myrae ihm kurz zu und legte eine Hand auf die Schulter der schwer atmenden Vara. “Vara, wir sollten gehen. Ich denke wir sollten ihn alleine lassen. Vienor, wir verlassen den Raum, ich werde meinen Zauber jetzt auflösen. Komm zu uns, wenn du fertig bist!”

Ohne eine Antwort abzuwarten, schob Myrae Vara vorsichtig aus der Scheune. Noch immer hatte Vara das große Stück ihres Hornes in der Hand, das ihr abgeschlagen wurde. Myrae hielt sich ihre Seite, anscheinend hatte sie in dem Gemenge einiges abbekommen. Langsam entfernten sich die beiden von der Scheune und das Adrenalin in ihrem Körper ließ nach. Das erste was die beiden spürten waren die zahlreichen Verletzungen. Egal wie gut sie gekämpft hatten, sie hatten viele Stiche und Schläge abbekommen. Es würde einige Zeit dauern, bis sie all ihre Wunden geheilt hatten und vielleicht würden auch ein paar Narben zurückbleiben. Doch was waren die Narben einer Schlacht schon gegen die Narben, die der Verlust von Ellie in ihnen hinterlassen würde.

Es dauerte nicht lange, da wurde die Stille der Dunkelheit durch Schreie und Klagen durchbrochen. Doch es waren nicht die schmerzerfüllten Schreie von Freunden, die sie mit anhören mussten. Etwas Befriedigendes lag in diesen Schreien. Die Qualen, die die Stille erfüllten, waren wie der Tropfen auf dem heißen Stein der Trauer. Myrae wollte sich gerade hinsetzen, als Vara plötzlich wie angewurzelt stehen blieb und sie aus großen Augen ansah. Ihr Gesicht war gezeichnet von dem Blut ihres Gegners, ihre Augen weit aufgerissen. “Sie ist weg. Myrae, Ellie ist tot. Ihr Körper wurde vom Wind weggeweht. Wir können sie nicht mehr … Myrae wir können sie nicht…!”

Ohne Vorwarnung ließ sich Vara auf ihre Knie fallen und vergrub ihr Gesicht in ihren Händen. Neben den Schmerzensschreien des Zwillings waren nun die Klagerufe von Vara zuhören. Langsam ließ sich Myrae neben ihr nieder. Auch sie spürte den Verlust. Es war ein Gefühl, als hätte jemand ihr ein Stück ihres Herzens rausgeschnitten. Beruhigend legte sie eine Hand auf Varas Kopf. Sie wusste nicht, wie sie ihre Freundin trösten konnte und auch ihren eigenen Schmerz, schien sie nicht lindern zu können. Alles was sie tun konnte war dazusitzen und den Todesqualen ihrer Peinigerin zu lauschen. Sie alle würden lernen müssen, mit dieser Nacht zu leben. Sie würden stärker zusammenwachsen, neue Abenteuer bestehen und Personen treffen. Doch egal, wie viel sie noch erleben mochten, diese Nacht würden sie nie vergessen.

Hmm, ich sollte mal die nächste Runde vorbereiten. Welches Regelwerk sollte ich nutzen? Welche Monster könnte ich auf die Helden hetzen? Uuuhh, eine neue Folge meines K-Dramas startet. Naja, mache ich die Vorbereitungen später . . .

Author Avola
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